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Kai Weyand |
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Süddeutsche Zeitung:
Romandebüt
von Kai Weyand dringend lesen! |






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Der Freiburger Kai Weyand lässt in seinem Romandebüt den Status Quo der Schul- und Bildungslandschaft sehr profund einfließen. Dies tut er mit bemerkenswerter Intelligenz und unvergleichlichem Humor. Nachdem ich sein Buch „Schiefer eröffnet spanisch“ in einem Zug gelesen hatte, musste ich sofort eine Lesung für meine Kolleginnen und Kollegen mit Kai Weyand organisieren. Er ist nicht nur ein sehr guter Schriftsteller, sondern auch ein sehr guter Leser. Die Veranstaltung war derart beeindruckend, dass sich Kai Weyand und ich, gleich im Anschluss, zu einem Interview zusammengesetzt haben.
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www.wallstein-verlag.de |
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Interview |










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Schiefer eröffnet spanisch - Interview mit Kai Weyand
Du, sagte er mühsam, pass mal auf. Kennst Du den?
Was haben Wolken und Lehrer gemeinsam?
Herr Weyand, helfen Sie mir, Sie kennen zu lernen.
Ich bin in Freiburg geboren, aufgewachsen und lebe noch immer hier. Ich bin zwischendurch innerhalb Freiburgs mehrmals umgezogen, lebe jetzt aber wieder in dem Viertel, in dem ich auch aufgewachsen bin. Ob ich das heimatverbunden, provinziell, bequem oder einfach clever finden soll, weiß ich auch nicht. Aber ich lebe gerne hier. Ich habe an der Uni die Fächer Geographie und Englisch studiert, aber recht schnell gemerkt, dass mich das nicht wirklich begeistert. Zumal mir mein Englischprofessor schnell alle Illusionen raubte. Bei einem Vorsprechen sagte er: „Schön, schön, Herr Weyand, stört mich nicht, dass Sie lispeln, aber eins will ich Ihnen gleich sagen: Englischlehrer werden Sie damit nicht.“ Ich dachte, dann muss ich auch nicht an der Uni bleiben und bin an die Pädagogische Hochschule gewechselt, bin dort meinem Lehramtsstudium treu geblieben und habe nur die Fächer gewechselt. Das Studium habe ich schließlich, nachdem ich das Referendariat in Zell im Wiesental verbrachte, mit dem zweiten Staatsexamen zum Abschluss gebracht. Danach wurde mir keine Stelle angeboten, so dass ich mich mit Erwachsenenbildungskursen über Wasser gehalten habe, bis ich 2000 für ein halbes Jahr eine Stelle als Krankheitsvertretung an einer Realschule bekommen habe. Keine gute Erfahrung – für alle Beteiligten. In diesem halben Jahr habe ich schon gemerkt, dass ich wahrscheinlich im Lehrerberuf nicht glücklich werden würde. Seltsamerweise hatte ich auch bei vielen Kollegen das Gefühl, dass sie in diesem Beruf nicht sehr glücklich sind, vielleicht auch noch nie waren. Die Atmosphäre im Lehrerzimmer glich der auf einem Friedhof – nicht ruhig, sondern bedrückend. Viele Kollegen schienen mir Mitte vierzig schon ziemlich verbittert zu sein. Ich dachte, „mon Dieu“, noch zwanzig Jahre in diesem Gemütszustand, was für ein Alptraum. Das wollte ich nicht. Dennoch habe ich mich noch mal als Lehrer versucht: in einem sozialpädagogischen Projekt, in dem sich zwei Sozialpädagogen und zwei Lehrer der Arbeit mit so genannten schwer erziehbaren Jugendlichen verschrieben hatte. Neun Jugendliche, denen eine letzte Chance gegeben wurde, doch noch den Hauptschulabschluss zu schaffen. Die kamen teilweise aus schlimmsten familiären Verhältnissen, und ich sollte mit denen Unterricht veranstalten, aber die waren kaum in der Lage, sich fünf Minuten zu konzentrieren. Eine spannende und herausfordernde Arbeit. Hier habe ich auch erfahren, was möglich ist, wenn man eng, verständnisvoll und solidarisch zusammenarbeitet. Etwas, was ich in der Regelschule oft vermisst habe. Dennoch habe ich auch hier wieder erfahren, dass der Lehrerberuf nichts für mich ist. Ich habe mich gequält mit der Unterrichtsvorbereitung, ich konnte nicht abschalten, bin mit allen Schulproblemen morgens aufgewacht und habe sie abends wieder mit ins Bett genommen.
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Liegt das am System?
Nein, das ist wohl meine psychische Gestimmtheit. Ich kann schlecht abschalten: als Lehrer ist das fatal, als Schriftsteller wunderbar. Da ist man froh, wenn man in seiner Geschichte bleiben kann. Auf jeden Fall habe ich nach einem dreiviertel Jahr gekündigt und mich bei einer Zeitung beworben. Leider ging die Zeitung Pleite, bevor ich anfangen konnte. Mit etwas Glück bekam ich dafür eine Stelle beim Freiburger Literaturbüro. Dort habe ich dann bis 2005 gearbeitet, bis ich mich getraut habe, als freier Schriftsteller in die Selbstständigkeit zu gehen. Damit ich wenigstens ein paar Euro sicher im Monat habe, arbeite ich zusätzlich stundenweise als Lehrer im Gefängnis. Dort unterrichte ich mittlerweile seit vier Jahren Insassen, die ich im Fach Deutsch auf den Hauptschulabschluss vorbereite.
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Die sind alle unterschiedlich alt?
Die sind unterschiedlich alt, ja, von Anfang Zwanzig bis Mitte Fünfzig, ganz unterschiedliche Biografien, zum Teil Ausländer, die noch nie eine deutsche Schule besucht haben und die deutsche Sprache von der Straße gelernt haben, aber auch Menschen, die bis zur 7. Klasse das Gymnasium besucht haben.
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Und diese Situation dort verursacht Ihnen auch schlaflose Nächte?
Nein, es geht mir gut damit. Dies liegt vielleicht daran, dass ich nur zweimal die Woche dort bin, dass ich es mit Erwachsenen zu tun habe, die ihre Pubertät größtenteils hinter sich haben und zum anderen ist die Unterrichtssituation nicht vergleichbar mit der einer staatlichen Regelschule. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich es mit Erwachsenen zu tun habe, die schon einen ganzen Sack voll Lebenserfahrung mit sich herumschleppen. Das ist gefühlsmäßig etwas anderes als bei Jugendlichen, die ihre Situation noch nicht überblicken können. Das Verantwortungsgefühl ist ein anderes. Wenn ein Vierzigjähriger zu erkennen gibt, dass er keine Lust auf die Schule hat, dann zucke ich irgendwann mit den Schultern und versuche dafür zu sorgen, dass er nicht weiter daran teilnehmen muss. Jugendliche will man da doch eher zu ihrem Glück zwingen.
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Mich würde zu den einzelnen Punkten, die Sie angesprochen haben, noch die eine oder andere Nachfrage interessieren. Sie haben gesagt, Sie haben gelispelt. Wie lebt man mit einer solchen Begrenztheit - so nenne ich das jetzt einfach mal - und wie begegnet man dieser?
Die Begrenztheit erlebt man ja dann, wenn sie einem von außen verdeutlicht wird. Es muss jemand geben, der einem zeigt: „Schau her, du bist begrenzt“. Da ich mit meinem Sprachfehler so gut wie keinen Hänseleien ausgesetzt war, habe ich damit eigentlich sehr gut gelebt. Ich hatte bis zum Studium keine wie auch immer geartete Benachteiligung erfahren. Da aber habe ich mich zum ersten Mal benachteiligt und diskriminiert gefühlt, so dass ich versucht habe, diesen Sprachfehler zu beheben. Das war ausgesprochen schwierig. Ich war damals 21 und konnte ja selbst nicht erkennen, dass ich „falsch“ sprach. Für mich hörte sich das vollkommen richtig an. Ich musste also mein Gehör umtrainieren und mir mühsam bewusst machen, wie sich ein S-Laut anhören sollte. Das dauerte Jahre. Ganz zu schweigen, wie schwierig es war, einen richtigen S-Laut zu bilden. Dass ich es gelernt habe, verdanke ich einer Sprachtrainerin, die sich nicht zur Verzweiflung bringen ließ. Jetzt ist es soweit, dass ich nicht mehr lispeln kann, nicht mal zum Spaß.
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Sind Sie ein heimatverbundener Mensch?
Ich neige wohl zu einer gewissen Ortstreue. Wobei es sich eher durch Zufall so ergeben hat, dass ich noch in Freiburg bin. Es gab schon eine Zeit, in der mir Freiburg zu eng war, eine Zeit, in der ich nicht einverstanden war mit mir und mich neu erfinden wollte. Ich hatte das Gefühl, das in Freiburg nicht zu können. Ich wollte dann für ein Jahr als Assistent Teacher nach Nord-Irland gehen, das war glaube ich 1992. Leider hatten sich damals unglaublich viele Menschen dafür beworben, so dass es zum ersten Mal Wartelisten gab. Und auf einer solchen bin ich dann gelandet und auch hängen geblieben und in Freiburg damit auch. Na ja, dann kam eine schöne Liebe, und Freiburg war wieder ganz in Ordnung. Die Liebe brachte Kinder und mit Kindern definiert man einen Ort noch mal neu, da ändern sich die Kriterien. Und für ein Leben mit Kindern ist Freiburg schon sehr gut.
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Aber warum wollten Sie Lehrer werden, wenn Sie gar nicht wussten, ob Ihnen das Lehren und das Unterrichten liegt? Lernt man das während des Studiums nicht, diese Erkenntnis?
Nein, man lernt es während des Studiums nicht; wie man so vieles während des Studiums nicht lernt. Ich dachte damals eigentlich, es würde mir liegen, dachte, dass ich gerne mit Menschen, insbesondere mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten würde - vielleicht hätte ich das auch gerne getan, aber es bedarf eben auch einer psychischen Grundverfassung für diesen Beruf, und dass ich die nicht besaß, wurde mir leider erst sehr spät klar.
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Ich glaube, dass man als Schriftsteller eine gehörige Portion Selbstbewusstsein braucht. Weil man seine Gedanke doch in die Menge wirft. Für wen schreibt man eigentlich, wenn man Schriftsteller ist?
Es ist ein ängstliches Selbstbewusstsein. Man wirft seine Gedanken ja nicht mit breiter Brust in den Ring, sondern immer mit der Angst, wie die Gedanken aufgenommen werden. Die Gefühlslage eines Schriftstellers kann innerhalb von Minuten zwischen Nobelpreisgrößenwahnsinn und dem Gefühl, ein ganz, ganz kleiner Wicht zu sein, wechseln. Ich habe erst spät angefangen, zu schreiben. Schreiben war einfach überhaupt nicht in meinem gedanklichen Fokus dessen, was man tun könnte. Mit 22 oder 23, dann habe ich zum ersten Mal versucht, einen literarischen Text zu schreiben. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, etwas gefunden zu haben, von dem mir nicht wirklich bewusst gewesen war, dass ich es gesucht hatte. Plötzlich gab es eine Möglichkeit, mich mit der Welt auseinander zu setzen, der Wirklichkeit etwas entgegen zu setzen, mit ihr zu spielen. Ich fühlte mich befreit. Jetzt konnte ich in der Welt sein, um es mal pathetisch auszudrücken. Am Anfang habe ich nur für mich geschrieben, das reichte mir vollkommen. Der Wunsch und das Selbstbewusstsein, mit Texten in die Öffentlichkeit zu gehen, haben sich erst nach Jahren des Schreibens ergeben. Irgendwann fängt man an, seine eigenen Texte mit anderen zu vergleichen, die man liest und möglicherweise stellt man dann fest: So schlecht ist das nicht, was ich da mache.
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Ich durfte bei unserer gemeinsamen Veranstaltung in Wiesneck Ihre Lesung genießen. Ich empfand Ihren Auftritt dort ausgesprochen angenehm und professionell.
Wenn man sich entscheidet, die Schriftstellerei zum Beruf zu machen, gehört es dazu, dass man sich professionalisiert. Lesungen sind Teil des Berufs, und deshalb sollte es selbstverständlich sein, dass man diese auch professionell vorbereitet und gestaltet. Scheitern kann eine Lesung immer, aber sie sollte nicht an den Lesekünsten des Autors scheitern. Für mich sind Lesungen kein notwendiges Übel, ich mache das sehr gerne.
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Haben Sie schon immer viel gelesen? Auch Ihren Kindern vorgelesen?
Ich habe meinen Kindern immer regelmäßig vorgelesen, ja. Und mache das auch immer noch. Jetzt noch meiner Tochter. Als Jugendlicher habe ich relativ viel gelesen, was sicherlich auch daran lag, dass die mediale Konkurrenz noch nicht sehr stark war. Aber ich war kein ausgesprochener Bücherwurm. Auch kein guter Aufsatzschreiber. Es war nicht so, dass bei mir schon früh eine Ader hätte entdeckt werden können, nach dem Motto: „Mensch Weyand, du schreibst doch so gern und gut, verfolg das mal weiter“. Ich habe um jede Zeile gekämpft. Auch heute gehöre ich nicht zu den Schriftstellern, denen das Schreiben sehr leicht fällt. Ich habe Kollegen, die schreiben am Tag 20 Seiten, von denen sie dann zehn wieder verwerfen müssen, aber immerhin stehen dann noch zehn. Davon kann ich nur träumen.
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Haben Schriftsteller einen besondern Typus? Oder sind alle sehr unterschiedlich. Oder was sind Schriftsteller für Typen?
Wenn ich einem begegne, habe ich meistens das Gefühl, der ist anders als ich. Wahrscheinlich geht es demjenigen genauso. Und vielleicht ist es das Gefühl, was viele Schriftsteller haben: das Gefühl, in der Welt nicht wirklich beheimatet zu sein. Ein Stück weit empfinde ich so mein Schreiben: neben der Auseinandersetzung mit der Welt, schaffe ich mir mit meinen Texten auch eine Heimat. Eine Heimat zu schaffen, in der man sich wohl fühlt, ist nicht ganz einfach. Ich habe meinen Texten gegenüber sehr viele Zweifel, wahrscheinlich bin ich auch deshalb so langsam. Ich überarbeite sehr viel, verwerfe viel, fange immer wieder neu an. Aber wenn der Text dann steht, ist er ein Backstein von meinem Haus.
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Das ist richtige Arbeit!
Ja, zum Glück aber auch. Das Gefühl der Befriedigung stellt sich ja nicht ein, wenn man sich nicht auch mal quälen muss. Das Gefühl, vor einem Berg zu stehen, ihn nicht erklimmen zu können und es schließlich doch zu schaffen, verschafft einem große Befriedigung. Es muss nicht immer alles mit Anstrengung verbunden sein, aber wenn man alles aus dem Handgelenk schüttelt, wird man sich selbst schal.
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Sie versinken in Ihren Texten? - Ist die Schriftstellerei Ihr Traumberuf?
Der Beruf ist zwar in all seinen Begleitumständen und -erscheinungen nicht immer traumhaft, aber dass ich das Schreiben eines Tages zu meinem Beruf machen könnte, das war in der Tat ein Traum. Insofern bin ich sehr zufrieden, dass ich das machen darf, was ich mache.
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Sind Sie mit Ihren Texten bewusst politisch?
Nein, ich habe keinen missionarischen Anspruch. Texte müssen so gestaltet sein, dass sie den Kopf des Lesers während des Lesens öffnen. Wenn das gelingt, hat man viel erreicht, finde ich. Ob man diesem Text dann noch den Stempel politisch aufdrückt, finde ich relativ uninteressant. Das Wort „politisch“ wird heutzutage fast schon als Qualitätskriterium gebraucht, dabei ist ein politischer Text (wie will man das überhaupt definieren?) per se noch kein guter Text. Mein erstes Buch, der Erzählband, besteht hauptsächlich aus Liebesgeschichten. Nun sind Umgangsformen in der Liebe und überhaupt Bilder der Liebe gesellschaftlichen Entwicklungen geschuldet. Dieses darzustellen bzw. sich dieses bewusst zu machen, hat auch eine politische Note. Aber vielleicht ist mir das auch zu offen ausgedrückt. Ich will es bei dem oben genannten Bild belassen. Ein geöffneter Kopf ist ein aufmerksamer Kopf und damit politischen Fragen zugänglich. So gefällt es mir besser. In der Literatur muss es ja darum gehen, Empfindungen und Erfahrungen so zu gestalten, dass sie für den Leser erfahrbar werden. Sich mit der Welt, auseinanderzusetzen und literarisch darzustellen, darum geht es. Aber auch: Bei aller Beschwerlichkeit, die Literatur auch haben kann, soll sie dem Leser Lust machen, sie zu lesen.
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Also schreiben Sie doch für den Leser?
Wenn man sich entschlossen hat, seine Texte zu veröffentlichen, wünscht man sich auch, dass sie gelesen werden. Aber die Formulierung „für den Leser schreiben“ ist heikel. Schreiben muss man dem Stoff angemessen. Dennoch sollte man natürlich versuchen, das so zu tun, dass der Leser das Buch mit Gewinn lesen kann. Wenn man gelesen werden will, muss man sich schon bewusst machen, dass der Leser sich fragen wird, warum er seine Zeit für dieses Buch opfern soll. Das Buch muss deutlich machen, warum es gelesen werden sollte. Das sollte nicht nur über den Inhalt gehen, sondern auch über Sprache, Stil, Dramaturgie u.ä.. Ich will es so ausdrücken: Ein Schriftsteller hat eine Verantwortung seinem Stoff, aber auch seinem Leser gegenüber.
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Peter Härtling hat mal in einem Interview gesagt, dass er zunächst mal für sich geschrieben hat. Und das was er jetzt tut, ist für ihn ein ständiger Brief an die Leser. Also er schreibt sozusagen in Briefform an Adressaten. Wäre das auch für Sie ein Modell?
Dem Brief haftet ja heute etwas Edles an, er ist anders als eine Mail nicht schnell dahin geschrieben, sondern mit Bedacht verfasst. Die Worte sind mit mehr Sorgfalt gewählt, der Brief ist nicht auf schnelle Informationsmeldung ausgelegt, sondern in der Regel so geschrieben, dass er zu einem zweimaligen, dreimaligen Lesen einlädt. Als Empfänger fühlt man sich geehrt, wenn man einen Brief bekommt, man fühlt sich auf eine besondere Art wahrgenommen. Insofern, ja, gefällt es mir, das Schreiben als einen Brief an die Leser zu begreifen.
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Ich möchte noch zum Handwerkszeug des Schreibens kommen. Wie man einen Text schreibt, wie geht man da vor, wie findet man ein Thema? Gibt es Themen, die auf der Straße liegen? Konstruiert man einen Text? So wie Sie sagen, ist es ja eine richtige Arbeit, man muss ihn konstruieren, man muss ihn zusammen basteln, man muss wieder weg streichen, man muss eine Figur dazu machen oder eine Figur wegnehmen. Wie funktioniert das Schreiben, wie geht das vor sich, wie sind die Modalitäten?
Nicht, in dem man eine Flasche Rotwein öffnet und wartet, dass einen die Muse küsst. Das verhilft einem höchstens zu ein paar angenehmen Stunden, aber nicht zu einem guten Text. Wenn die Muse überhaupt jemanden küsst, dann sowieso immer die anderen. Ziel des Schreibens muss sein, das, was man für erzählenswert hält, so zu erzählen, dass der bestmögliche Text dabei herauskommt. Das klingt banal, aber einfach ist es nicht. Es bedarf zum einen einer gewissen Disziplin, sich hinzusetzen und zu machen und andererseits auch einer gewissen Demut, im Sinne einer dienenden Haltung. Der Autor hat dem Text zu dienen und nicht umgekehrt der Text der Eitelkeit des Autors. Das Schreiben kann manchmal eine Qual sein, wenn man um Formulierungen und Bilder kämpft oder einfach nicht weiß, wie die Geschichte fortzuführen ist, aber der Leser soll sich bei der Lektüre meiner Texte nicht quälen, ich versuche so zu schreiben, dass er mit Lust liest, sich nicht langweilt und gedanklich angeregt wird. Da spielen dann Fragen wie Textaufbau, Figurenzeichnung, Dramaturgie eine wichtige Rolle. Dabei darf die entscheidende Frage aber nicht aus den Augen verloren gehen: Warum wird diese Geschichte erzählt? Wenn das nicht deutlich wird, dann hat der Text ein Problem und der Autor damit auch. Ich arbeite in meinen Texten viel mit Humor, aber wenn der Humor nicht substanziell unterfüttert ist, dann bleibt er auf der Ebene der reinen Belustigung, das fände ich sehr langweilig. Es kann hilfreich sein, den Text ab und an jemandem zum Lesen zu geben, der des kritischen Lesens mächtig ist. Es kann beim Schreiben schon passieren, dass man seinem eigenen Text gegenüber blind wird. Dass man so begeistert ist von einer Idee, dass man die Schwäche nicht mehr sieht, die sie hat. Da ist es gut, sich einen Blick von außen dazu zu holen. Und dann, ja, ist ein großer Teil der Arbeit: Überarbeiten, überarbeiten, überarbeiten. Schreiben kann man über alles, man denkt ja auch über alles nach, selbst über banalste Dinge, ob man das Frühstücksbrot mit Marmelade oder Nutella beschmieren soll. Alles, worüber man sich Gedanken macht, gemacht hat, machen muss oder machen will, hat also einen gewissen Reiz, dass man Energie darauf verwendet.
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Machen Sie sich dann auch Notizen nebenher, oder Skizzen?
Ich habe Erzählungen und einen Roman geschrieben, und die Herangehensweise war jeweils sehr unterschiedlich. Bei den Erzählungen war meistens ein Satz oder ein Bild Auslöser für die Geschichte. Über den Roman habe ich im Vorfeld lange nachgedacht, viel ausprobiert, bis ich die richtige Konstruktion, die passende Figurenkonstellation und die angemessene Sprache gefunden hatte. Dann habe ich ein Exposé geschrieben, in dem ich den Verlauf des Romans grob skizziert habe. Dieses Exposé ist für mich eine Hilfestellung, eine Richtlinie, an der ich mich entlang hangle. Natürlich passiert es im Prozess des Schreibens, dass sich die Geschichte in eine andere Richtung entwickelt als geplant. Dann muss man überprüfen, ob dies nicht sogar die bessere Richtung ist als ursprünglich konzipiert. Oder, ob das eine Richtung ist, die eher wegführt vom Eigentlichen und nicht weiter verfolgt werden sollte. Ich schreibe mit einem Notebook, habe aber immer einen Zettel daneben, auf dem ich mir handschriftliche Notizen mache, wenn die Gedanken oder Bilder in meinem Kopf schon weiter sind als der Text auf dem Bildschirm. Die muss ich mir dann notieren, dass ich sie nicht vergesse.
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Ihre Texte sind voll mit Lebensweisheiten. Woher haben Sie diesen Fundus?
Weiß ich nicht. Es ist nicht so, dass ich einen Bauchladen mit Weisheiten vor mir her trage und ab und an mal eine heraushole. Ich denke, was Sie als Lebensweisheiten empfunden haben, sind tief empfundene Gefühle, die beim Schreiben durch Bilder, Szenen oder Dialoge hervorgerufen werden. Es mag auch daran liegen, dass Themen, Erfahrungen und Empfindungen lange in mir reifen, bis ich über sie schreiben kann.
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Kann man das Schreiben lernen? Es gibt ja Leute, die behaupten, das Schreiben kann man lernen und zwar jeder kann das lernen.
Ja und nein würde ich sagen. Kommt vielleicht auf die Zielsetzung drauf an. Bestimmte handwerkliche Dinge sind sicherlich zu vermitteln. Wie eine Figur gezeichnet sein sollte, dass sie interessant ist, was einen guten Dialog ausmacht, über den Aufbau einer Geschichte, über dramaturgische Effekte etc.. Das sind Sachen, die man vermitteln kann. Das alleine reicht m.E. aber noch nicht, um einen Text zu Literatur werden zu lassen. Das Gefühl für Sprache, für sprachliche Nuancen, warum es wichtig sein kann, einen Satz umzustellen oder ein Wort auszutauschen, das ist, glaube ich etwas, was nicht vermittelt werden kann. Dass das kreative Schreiben gelehrt wird und auch in Schulen Einzug gehalten hat, finde ich erstmal begrüßenswert. Das kreative Schreiben lässt einen ja erfahren, dass man selbst kreativ sein kann. Viele glauben ja, kreativ sind nur die anderen. Das ist erstmal eine großartige Erfahrung, dass es kreative Möglichkeiten gibt, sich mit sich und seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Sich im Verhältnis mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen, fördert ja auch das Reflexionsvermögen und über reflexionvermögende Menschen kann man ja nicht traurig sein. Allerdings sollte man ab und an auch daran denken, das Lesen lernen zu fördern. Ein Text ist ja mehr als sein nacherzählbarer Inhalt. Einen Text zu interpretieren, zu fragen, wie kann/muss ich ihn lesen, damit ich nicht nur die Oberfläche, sondern auch die tiefer liegenden Schichten verstehe, das wird m.E. in der Schule etwas vernachlässigt.
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Ja, es gibt angeblich keine Zeit in der Schule, das ist, glaube ich, das Problem. - Ich weiß auch, was das bedeutet, weil ich auch ein Typ bin, der ziemlich langsam liest. Ich brauche immer ewig für einen Text. Das hat mir in der Schule schon gefehlt, dass man mir einfach Zeit lässt, mich irgendwo hinein zu finden. Das durfte ich nicht. Andere waren schneller und die, die langsamer sind, fielen halt durch. Ja, so ist es.
Das Langsame wird nicht sehr goutiert, ja. Das ist schade.
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Ich halte es nicht nur für schade. Ich finde es, sage ich mal, zum Teil auch Menschen verachtend, weil es einfach sehr vielen anderen Menschen nicht gerecht wird. Und das müssen wir, wenn wir allgemein bildende Schulen haben, unbedingt gewährleisten, dass jeder mit seinen Stärken und Schwächen, seinen Charakteren da agieren darf. Na ja, ich will noch zwei Fragen abschließend stellen. Zum einen reden wir bitte ganz kurz Richtung Schiefer. Mich interessiert Ihre Meinung zu den agierenden, den Figuren, die in dem Buch sind, - sind das Helden oder Narren?
Natürlich gibt es Situationen, in denen sie sich zum Narren mache. Z. B. wenn der Erzähler Schiefer auf einem Spaziergang verfolgt, sich dabei hinter Autos versteckt und überlegt, darunter zu kriechen, falls Gefahr droht, entdeckt zu werden. Das ist ein erwachsener Mensch und von außen betrachtet, kann man wohl sagen, hier macht sich einer zum Narren. Aber er handelt ja aus einer gewissen Sorge heraus; die Narretei ist hier letztlich eine Geste der Freundschaft. Deshalb kann man darüber lachen, aber man ist gleichzeitig auch irgendwie gerührt. Das spiegelt auch am ehesten mein Verhältnis zu den Figuren wider: in ihrer Skurrilität, ihrer Naivität, ihrem Trotz rühren sie mich sehr. Es sind Figuren, deren Lebensentwürfe nicht den Verlauf genommen haben, den sie sich versprochen haben. Aber sie verharren nicht in ihrer Situation. Am Anfang ist es so, dass Schiefer und der Erzähler vorwiegend zusammen auf dem Sofa sitzen, Schach spielen und Wein trinken. Das hat etwas sehr Passives, Statisches. Und dann beginnen sie dieses verrückte Projekt, den Junglehrer Theo Mal zu beobachten, um herauszufinden, warum Schiefer als Lehrer gescheitert ist. Da fangen sie wieder an zu leben. Auf eine aberwitzige, groteske Weise zwar, aber sie fangen wieder an zu leben. Und das Schöne ist, dass sie Theo Mal, den Junglehrer, der auch in seinem Beruf scheitert, anstecken. Auch er könnte ja in seinem Scheitern verharren, aber nein, nach dem Motto: schlimmer geht’s nimmer, wirft auch er alle Konventionen über Bord, definiert seinen Lebensentwurf neu. Das finde ich großartig, das gefällt mir sehr. Auch die angedeutete Liebesgeschichte zwischen dem Erzähler und Stola – so traurig sie in machen Momenten ist, ist doch für beide ein Aufbruch, eine Hoffnung, die sie aus ihrer Erstarrung löst. Es bleibt am Ende offen, ob der Aufbruch von Erfolg gekrönt sein wird, aber das ist erstmal zweitrangig, entscheidend ist der Versuch auf ein Neues. Zudem sind es Figuren, die trotz ihrer Tragik ihren Humor nicht verloren haben. Das spielt sich bis hinein in die Gesten, so als Schiefer, Theo und der Erzähler in die Schule einbrechen, sie sich die Hand geben und sich wie die drei Musketiere gegenseitige Hilfe versprechen. Es gibt ja den Spruch: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Es ist diese Art von Humor, die die Figuren verbindet, ein kämpferischer Humor, der sich nicht unterkriegen lässt. Es ist eine Haltung dem Leben gegenüber, die mir sehr gefällt. Das muss man erstmal hinkriegen. Also, Helden ist vielleicht zu viel gesagt, aber es sind Figuren, die mutig sind und denen ich viel Zuneigung und Respekt entgegenbringe.
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Das finde ich auch toll. Wenn Menschen mutig sind, Dinge probieren, in Bewegung bleiben, über ihren Schatten springen. Ich denke oft, es nicht hin zu kriegen und bewundere andere Leute, die es schaffen.
Also ich schaffe es in meinem alltäglichen Leben auch nicht immer. Deshalb ist es für mich auch ein großes Glück, dass ich mich da literarisch ausbreiten darf. Mutig ist ja auch die Gedankenwelt, der sich die Figuren in dem Buch hingeben. Eine Gedanken-welt, die skurril ist und aberwitzige Ausmaße annimmt und trotzdem erlauben sich die Figuren das in einer für mich rührenden Ernsthaftigkeit, die mich selber als Autor sehr bewegt.
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Zum Abschluss schlicht und ergreifend die Frage „Wie geht es weiter“? Gibt es schon ernsthafte Projekte, gibt es wieder Erzählungen, einen Roman oder brauchen Sie noch ein bisschen eine Auszeit?
Es gibt ein neues Projekt, aber das ist noch sehr in den Anfängen und deswegen will ich darüber noch nicht viele Worte verlieren.
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Wie lange haben Sie für den Roman „Schiefer“ gebraucht?
Nach Abschluss der „Erzählungen“ war mir relativ schnell klar, dass ich einen Roman schreiben will, der sich irgendwie mit dem Thema Schule befasst, aber dann hat es lange gedauert, bis ich den richtigen Ton gefunden habe, in der ich den Roman erzählen kann. Die ersten Versuche waren im Ton sehr ernst und alle misslungen. Ich merkte, dass ich das Thema spielerischer, witziger anpacken muss, sonst ist das Scheitern vorprogrammiert. Es gab dann noch weitere Versuche mit unterschiedlichen Erzählperspektiven. Als ich das dann alles hatte, Ton, Figuren, Konstellation, Erzählperspektive, dauerte es ungefähr anderthalb Jahre.
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Legen Sie den Text dann auch mal auf die Seite, machen mal was völlig anderes, wenn Sie nicht weiterkommen oder sagen Sie konsequent jeden Tag, ich schreibe jetzt meine 2 Seiten?
Es kommt schon mal vor, dass es 2 oder 3 Tage auf der Seite liegt und ich nicht daran schreibe, was einfach auch an Alltagsgeschichten, Familiengeschichten liegt, die passieren können – so dass ich nicht dazu komme. Gedanklich ist man aber sowieso die ganze Zeit auf die Geschichte fokussiert, deshalb ist das nicht so tragisch, wenn ein Text mal ein paar Tage liegt. Manchmal ist man auch an einer Stelle, an der man nicht weiterkommt und dann braucht der Kopf ein paar Tage, bis er für das Problem eine Lösung gefunden hat. Wenn der rettende Gedanke dann da ist, geht es weiter.
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Herr Weyand, ich danke Ihnen für das Gespräch und bin gespannt auf Neues aus Ihrer Feder!
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